Wiesbaden, die mondäne Kurstadt


Geopolitische Lage:

Die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden liegt am Fuß bewaldeter Taunushöhen und erstreckt sich mit ihren Vororten bis zum Rhein. Über zwanzig Thermalquellen, das milde Klima und die reizvolle Umgebung machen die Stadt zu einem beliebten Kurort. Die Fläche der Stadt umfaßt 204 qkm, davon 54 qkm Waldfläche. Bedingt durch die günstige Lage im Warmluftkorridor des Rheintals ist das Klima angenehm mild, mit einer mittleren Jahrestemperatur von 9°C. Wiesbaden zählt ca. 275.000 Einwohner und gehört somit zu den Mittelstädten Deutschlands. Die Stadt beschäftigt ca. 120.000 Mitarbeiter in ca. 20.000 Unternehmen (dominierend im verarbeitenden Sektor das Grundstoff- und Produktionsgütergewerbe, Entwicklung zum herausragenden Zentrum für Beratungsdienstleistung, Verwaltungsort). Wiesbaden ist Sitz des Bundeskriminalamts, des Statistischen Bundesamts und verschiedener Bundesverbände sowie zahlreiche Fach- und Industrieverbände.

Breite: 50°5 Nord - Länge: 8°15 Ost
Höhe: zwischen 83 (Hafeneinfahrt Schierstein) und 608 (Rheinhöhenweg) m ü. d.M.

 

kurze Geschichte:

Aus vereinzelten Funden lässt sich schließen, dass sich schon vor mehr als 5.000 Jahren Menschen, angezogen von den heißen Quellen, am Ufer des Rheins niederließen. Die Urbevölkerung, von der wir nicht einmal den Namen kennen, muss in der Eisenzeit den eingewanderten Kelten weichen, ihnen ergeht es freilich kaum besser. Sie werden ihrerseits im letzten vorchristlichen Jahrhundert von den Germanen verdrängt. Im Gebiet des späteren Wiesbaden setzen sich die Chatten fest, die auch Mattiaker genannt werden. Sie treffen auf den Herrschaftsanspruch der Römer, die sich links des Rheins etablieren. Der römische Geschichtsschreiber C. Plinius Secundus berichtet in seiner 37-bändigen naturalis historica: "Jenseits des Rheins gibt es in Germania bei den Mattiakern heiße Quellen, deren Sprudel im Abstand von drei Tagen kochend heraustritt."
Zum Schutz der Rhein-Main-Linie wird unter Cäsar Claudius (41-50 n. Chr.) ein Castel errichtet, das als Außenfort der großen Befestigung Mainz einen rechts-rheinischen Brückenkopf bildet. Im Schatten der militärischen Anlage entwickelt sich die Civitas Mattiacorum durch Ansiedlung von Händlern, Handwerkern und Wirten vor ihren Mauern. Der unten Domitian 83 n. Chr. erbaute Limes sichert die Siedlung mit ihrem florierenden Badebetrieb gegen germanische Überfälle. Wehrhafte Gutshöfe werden ausgedienten Soldaten zur Bewirtschaftung übergeben.
Trotz des Alemanneneinbruchs im dritten Jahrhundert, auf der hin um 370 der Bau der Heidenmauer quer durch das spätere Stadtgebiet folgt, hält sich der römische Vorposten bis 406, als die Römer die Rheingrenze nicht mehr verteidigen können. Die nachdrängenden Franken machen Wiesbaden dann zum Hauptort ihres "Königssondergaus". Eine Turmburg sichert ihn an der Stelle, wo heute das Stadtschloss steht. Einhard, der Biograph Karls des Großen, erwähnt "Wisibada", das Bad in den Wiesen, ertmals 829.

Nach einer langen, wenig ereignisreichen Periode erfolgt 1215 die erste urkundliche Erwähnung der Mauritius-Kirche und die Entwicklung Wiesbadens zur Reichsstadt (civita imperatoria). Der Mainzer Erzbischof erobert 1242 die Stadt im Kampf gegen Kaiser Friedrich II. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts fällt die Stadt an die Grafen von Nassau, die ihren neuerworbenen Besitz in blutigen Kämpfen gegen den Erzbischof von Mainz und den Grafen von Eppstein verteidigen müssen. Der große Bauernkrieg von 1525 und der Einbruch der Reformation (1543) gehen an Wiesbaden ebenso wenig vorüber wie der verheerende Dreißigjährige Krieg. 1644 fällt die Stadt der Plünderung anheim, ein großer Brand äschert fast alle Gebäude bis auf die Grundmauern ein. Nur wenige der einst 1.800 Einwohner überleben die Katastrophe. Dreißig Jahre später dezimiert der Schwarze Tod die Bürgerschaft aufs neue. Und doch strebt Wiesbaden zum Begin des 18. Jahrhunderts wieder auf. 1744 verlegt Fürst Karl von Nassau-Usingen seine Residenz ins neuerbaute Biebricher Schloss. 1750 erfoglt der Bau des Jagdschlösschens Fasanerie für den Fürsten Karl. Die erste Zeitung in Wiesbaden wird 1770 gedruckt.

Um 1800 ist die Einwohnerzahl in der Folge auf mehr als 2.000 angestiegen. Napoléon wird zum Geburtshelfer des neuerrichteten Herzogtums Nassau, das 1806 Wiesbaden zum Regierungssitz erhebt. Von hier aus wird nun der 1803 vom aufgelösten Kurfürstentum Mainz zugefallene Rheingau verwaltet. Mit der Regierungszeit Herzog Friedrich Augusts beginnt der aufstieg der Residenz zur Weltkurstadt. Gäste aus aller Herren Länder, unter ihnen auch Goethe, erfreuen sich an den Bauten des württembergischen Baumeisters Christian Zais (1771 - 1820). Prachtvolle Straßenzüge (Friedrich-, Wilhelm- & Taunusstraße) ergänzen das Kurviertel, das vom Alten Kurhaus, Brunnenkolonnade und Theater geprägt wird. 1840 die Betriebnahme der "Taunusbahn", Wiesbadens erste Eisenbahnverbindung, die nach Frankfurt führte. Dostojewski besucht 1862 erstmals Wiesbaden. In den nächsten 10 Jahren wiederholt er seine Besuche.
Mit dem Sieg Preußens über die an der Seite Österreichs kämpfenden Truppen des deutschen Bundes (1866) wird das Schicksal der Nassauischen Herrschaft besiegelt, Adolf muss abdanken, Nassau wird preußisch. Als Hauptstadt des Regierungsbezirks entwickelt es sich zum beliebten Alterssitz für Offiziere und höhere Beamte. Das Neue Rathaus und das Theater von 1894 sind architektonischer Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins einer Stadt, die bald 90.000 Einwohner zählt. Die goldene Zeit Wiesbadens als internationaler Sommertreffpunkt für den Hochadel endet jedoch abrupt mit den gesellschaftlichen Erschütterungen des Ersten Weltkriegs. Seit dem Kriegsende als französischer Brückenkopf besetzt, wird es 1926 Hauptquartier der britischen Rheinarmee. Zwischen 1926 und 1928 wächst die Stadt vor allem durch die Eingemeindung der umliegenden Dörfer.

Der Zweite Weltkrieg wirft Wiesbaden erneut zurück. 500 Menschen sterben im Hagel der Bomben, die mehr als ein Viertel aller Gebäude zerstören. Als sich die Bundesrepublik konstituiert, ist Wiesbaden schon seit vier Jahren Landeshauptstadt des neu zusammengefügten Bundeslandes Hessen. Neben der Anziehungskraft des politischen Zentrums wirkt der Ruf Wiesbadens als Kongress- und Kurstadt weiter. Mit der durch die Einteilung der Zonengrenzen verursachten Angliederung der Vororte Amöneburg, Kastel und Kostheim, findet die Stadt den Anschluss an die industrielle Großproduktion und wird somit eine der wirtschaftlichen Säulen des aufstrebenden Rhein-Main-Gebiets. Die Stadt, die heute ca. 270.000 Einwohner hat, liegt inmitten der Rhein-Main-Region und erstreckt sich vom Rhein bis zu den Ausläufern des Taunus. Weitläufige Parks, Grünanlagen und 54 qkm Waldfläche machen Wiesbaden zur meist begrünten Stadt Deutschlands, inmitten des bedeutendsten Wirtschaftszentrum Europas.

 

Wappen:

StadtwappenAls offizielles Wappen der Stadt Wiesbaden gilt durch den Magistratsbeschluss vom 3. Mai 1905 ein mit drei gelben Lilien auf blauem Grund belegter Schild. Damit beendete der Magistrat einen Streit um das Wappen, in dessen Verlauf immer wieder zwei Dinge, nämlich Siegelbild und Stadtwappen, miteinander vermischt worden waren. Siegel und Wappen haben aber ganz unterschiedliche Funktionen. Siegel wurden seit dem frühen Mittelalter als Beweismittel und für die Beglaubigung von Schriftstücken verwendet; Wappen entstanden erst seit dem späten 12. Jahrhundert im Turnierwesen und waren in erster Linie Erkennungs- und Eigentumszeichen.

In den nassauischen Städten kamen Siegel seit dem frühen 13. Jahrhundert auf. Das 1314 für Wiesbaden erstmals belegte Stadtsiegel ist somit relativ jungen Datums. Es zeigte auf mit Schindeln besätem Grund den nassauischen Löwen im Schild: ein Symbol der Abhängigkeit vom Landesherrn und nicht so sehr ein Zeichen städtischer Autonomie.

Erste Spuren eines Stadtwappens datieren demgegenüber aus dem frühen 16. Jahrhundert. In gewollter Abgrenzung vom Stadtherrn, so hat es Otto Renkhoff interpretiert, wurde 1512 ein städtisches Gerichtssiegel geschaffen, das zwar auch noch den nassauischen Löwen enthält, zusätzlich jedoch drei zwei zu eins gestellte Lilien, die ungewöhnlich groß sind und die Umschrift des Siegels durchschneiden. Diese Lilien sind daher nicht als nebensächliche Beizeichen des Siegels zu werten, sondern das erste Zeugnis eines Wiesbadener Wappens. Die Wiesbadener Lilien schmückten in den nachfolgenden Jahrhunderten als einziges Symbol das Wiesbadener Wappen, das seit 1592 in vielfacher Ausprägung, insbesondere in der Bauplastik, überliefert ist. Am Alten Rathaus, auf dem Kupferstich von Matthäus Merian und an mehreren anderen Stellen findet sich dieses Wappen. Im 16. Jahrhundert findet das städtische Emblem, und zwar als einzelne Lilie, Eingang in das städtische Signet, das kleine Siegel. Einzelne Lilie oder drei (eins über zwei) angeordnete Lilien begegnen häufiger als Hoheitszeichen in der Stadt. Zwischen 1898 und 1905 hielt man eine Kombination von Lilien und Nassauer Löwen für das echte Wiesbadener Stadtwappen.

Worauf ist die Symbolik der Lilie zurückzuführen, welche Bedeutung hat sie? Wie die gelehrten Humanisten im 16. Jahrhundert sich die Entstehung des Wappens erklärten, zeigt sich im Jahre 1562. Graf Philipp II. von Nassau bemühte sich in diesem Jahr bei dem in Frankfurt weilenden Kaiser Ferdinand I. um eine Bestätigung der wiesbadener Privilegien, darunter auch um eine Bestätigung des Wiesbadener Wappens, das der Stadt angeblich zur Zeit Karls des Großen verliehen worden sei. In dieser Argumentation vermischt sich die Erinnerung an Wiesbadens ruhmreiche, wenn auch sehr kurzfristige Vergangenheit als Reichsstadt mit der Interpretation der Lilie als Attribut Kaiser Karls. Im 14. Jahrhundert nämlich hatte die mittelalterliche Heraldik dem großen Frankenkaiser nachträglich ein Phantasiewappen zugesprochen, das neben dem Reichsadler auch die Lilie enthielt. Aus diesem vermeintlichen Wappen Karls des Großen dürften die Wiesbadener Bürger um 1500 das Symbol in ihr Wappen übernommen haben, da man damals Wiesbaden für eine Gründung des Frankenkaisers hielt. Die Farben des Stadtwappens hingegen, gelbe Lilien auf blauem Feld, verweisen auf die Grafen von Nassau.